Alles ist unmittelbar

Jetzt, da man die Hitzewelle bräuchte, ist sie weg. Ich bin bis halb acht im Zelt liegen geblieben, unter der Decke, es wäre draussen noch zu kühl gewesen für einen Kaffee in der Sommerküche. Aber dann – ich hatte keine Geduld mehr – raus aus den Federn, und mit Hilfe des Gaskochers die Bialetti in Gang gesetzt. Feiner Mokka. Unter dem Vorzelt bei Vogelgezwitscher in aller Ruhe Kaffee geschlürft.

Gestern hat es gegen Abend drei Stunden geregnet. Ich habe draussen zugehört, dann gelesen, dann unter dem Zeltdach zugehört. Stetige Tropfen, ganz nah, deutlich. Unmittelbar.

Unmittelbar ist alles: die schwarzen und roten Ameisen, die Eidechsen auf Fliegenfang, wartende Spinnen, Kirschen, die zu hoch hängen, die kleinen Wilderdbeeren, der farbenfrohe Mohn, das unbekannte Tier, das nachts meine Aprikosen angeknabbert hat. Das Rascheln der Blätter im aufkommenden Wind, Flügelschlag ganz nahe, Hummeln und Bienen, Schmetterlinge. Gemecker von Ziegen, Hornsignal und dann Sprengung im Steinbruch von Arvigo, das Plätschern des Brunnens.

Mein Fuss ist heute sehr müde; der Spaziergang Richtung Cauco in den Morgenstunden war optisch wunderbar, jedoch nicht in Gänze zu machen. Vielleicht nehme ich ihn übermorgen erneut in Angriff. Die Frau im Negozio ist nach wie vor unfreundlich – oder betrübt. Für morgen habe ich Maisbrot bestellt. Ohne Bestellung kein Brot. Die Sorte kann man nicht auswählen, jeder Wochentag bringt seine eigene. Der Espresso im Laden schmeckt gut. So mancher hier grüsst mit «Bun di», die meisten mit «Buongiorno». Was macht hier das «Bun di»?

Da ich über Unmengen an Zeit verfüge, habe ich mir erlaubt, das Bähnli hinunter nach Arvigo zu nehmen, um zu schauen, ob es im kleinen Supermarkt – angeschlossen an das Hotel G. – mehr Auswahl gibt. Zu meinem Erstaunen war das Angebot noch bescheidener als hier oben. Also zurück und eingekauft vor Ort: Olivenöl und Essig, Eier und Tomaten und zwei Salametti. Dabei bin ich arm geworden. Gut, dass Bier erst – vielleicht, womöglich – in ein paar Tagen angeliefert wird.

Ich würde so gerne laufen können, mehr, länger laufen können. Diese grossartige Landschaft – und ich kann sie nur in geringem Masse erlaufen!

Braggio, Graubünden, 29. Juni bis 3. Juli 2026