Nennt mich einen Feigling, aber ich suche das Weite. Morgen.
Gestern nachmittag kam Regen, lange und abkühlend. Ich habe mich unter zwei Decken versteckt und bin sogar eingeschlafen. Dann hörte es auf und es kam der Wind, heftiger Wind. Er hat alle Wolken vertrieben, aber auch das Zeltvordach in Mitleidenschaft gezogen. Ich musste den Bauern holen; wir haben es eingerollt und befestigt. Geschlafen habe ich im Dachstuhl des Pavillons, geschützt vor dem Rütteln und Schütteln des Zeltes. Die Decke musste ich allerdings bis über die Ohren ziehen, zu heftig war der Luftzug durch die Ritzen, gewaltig also die Windböen. Ich habe gut geschlafen.
Heute früh um halb acht war es so kühl draussen, dass ich vier Schichten angelegt habe, um in Ruhe einen Mokka kochen und trinken zu können. Auf dem Plumpsklo war der am ersten Tag frisch aufgehängte Lavendelstrauss zerrupft, etliche kleine Blüten lagen auf dem Boden – eine hübsche Begrüssung, fand ich. Zum Zähneputzen habe ich heisses Wasser zubereitet, um es dem eiskalten beizugeben, nur so habe ich die Motivation gefunden, ein Mindestmass an morgendlicher Toilette durchzuführen.
Danach bin ich Richtung Cauco gelaufen, damit es mir warm wird; die Sonne erreicht den Weg dahin eher als mein Gebiet. Halb zehn öffnet das Negozio. Latte macchiato, diesmal mit heisser Milch. Na so was, plötzlich ist es möglich.
Nun scheint die Sonne auch in meinem kleinen Königreich, ich nutze die Wärme, um duschen zu gehen. Ich dusche nämlich im Wintergarten der Bauern, dort stehen mir ein halber Duschvorhang zur Verfügung und mehr als 50 Liter warmes Wasser. Ich muss nicht auf die Uhr schauen, um einem Eissstrahl zu entgehen.
Die Schlange ist mir erneut begegnet. Zwei wunderschöne Gemsen auch. Sie waren so nahe, dass ich meinte es müssten Ziegen sein, wie könnte es sonst sein, sie so vor sich zu haben. Aber: es waren Gemsen.
Obwohl die Natur hier dermassen ursprünglich schön ist, kann sie meinen Aufenthalt (allein) im Zelt nicht wettmachen. Es fehlen mir vier stabile Wände für einen Rückzug in stillen Schlaf, ein ordentliches Bad, eine Möglichkeit, gemütlich sitzend zu lesen. Solch eine Unterkunft mag spannend sein für ein Abenteuer-Wochenende. Ich mag es nicht mehr. Und vermutlich spielt die Unfähigkeit, länger zu wandern, mit rein in meinen Unmut.
Wie abgemacht bin ich gegen zwölf zum Agriturismo R. gelaufen für ein Mittagessen. Ein grosser Tisch innen war gedeckt, allerdings nicht für mich: die Grossfamilie wollte sich vor lecker aussehenden Gnocchi niederlassen. Offenbar hat man das am Vortag nicht ganz ernst genommen, als ich kundtat vorbeizukommen. Rasch aber wurde gezaubert: grüner Salat mit leckeren Tomaten als Vorspeise, mit Käse überbackene Polenta, dazu Brokkoli als Hauptgang und Himbeeren aus dem Garten mit flüssiger Sahne und braunem Zucker als Dessert. Rotwein, Mineralwasser, Espresso. Ein kulinarisches Paradies nach meinen spärlichen Mahlzeiten an den Tagen zuvor.
Braggio, Graubünden, 29. Juni bis 3. Juli 2026

