Müder Käse und Plumpsklo

Da ich gerade keinen Prosecco habe – ein kleines Glas würde reichen –, nasche ich Käse. Ich bin in Braggio, es ist 16.16 Uhr und es regnet. Das Gläschen würde ich trinken als Start in zehn Tage «Natur pur». Der Käse schmeckt allerdings sehr gut und hilft auch anzukommen.

Wie meistens am ersten Tag irgendwo alleine am Ferienort, beschleicht mich der Gedanke: Was tust du hier? Insbesondere jetzt heftig, da Wandern nicht möglich ist. Die Frage lasse ich unbeantwortet, ich kenne sie mittlerweile und nasche also weiter Käse.

Die Fahrt in der kleinen 24-Stunden-Seilbahn mit Selbstbedienung von Arvigo hierher hat ganz einfach funktioniert. Da ich eine halbe Stunde zu früh ankomme, beschliesse ich den Negozio des Dorfes aufzusuchen, ein erster Blick auf das Angebot kann nicht schaden. Der Blick muss sich nicht allzulange damit beschäftigen, die erhofften Sachen zu finden … Es gibt immerhin Tomaten (aus Holland), Gurken, Pfirsiche und Aprikosen, verwelkte Auberginen, keimende Kartoffeln und alte Zwiebeln. Im Kühlschrank leuchtet müde gelber Käse. Immerhin liegen hübsche Würste herum. Ein paar Getränke runden alles ab. Die Inhaberin hat eine ausladende Figur und kein Lächeln. Ich bestelle einen Espresso, der ist gut, und erst als ich beim zweiten Besuch etwas einkaufe, ringt die Frau sich ein verhaltenes Lächeln ab. Käse hole ich allerdings beim Agriturismo Raisc. Wie bereits erwähnt: fein.

Bei meiner Ankunft hier war schönstes Wetter, und ich war erstaunt über die üppige Natur und die Stille hier im autofreien Dorf auf 1300 Höhenmetern. Den bereitgestellten Handwagen lasse ich bei der Seilbahnstation zurück, er scheint mir schwerer als mein Gepäck. Man müsste schon mit drei Koffern anreisen, damit es sich lohnt, ihn zu verwenden. Ich werde sehr freundlich empfangen, mein kleines Reich wird mir vorgestellt: grosses Schlafzelt mit Vordach, ein Pavillon für schlechte Tage, eine Sommerküche und ein Plumpsklo mit Sägespänen und grossem Fenster. Und die Solardusche. Da muss man sich nackt in die Sonne stellen und davon ausgehen, dass nur Ameisen zuschauen – sie steht frei in einer Ecke.

Übrigens kriechen hier nicht nur Ameisen herum, auch kleine und grosse Käfer, Spinnen und Eidechsen. Ich hoffe, sie krabbeln nicht unter meine Schlafdecke. Die Bialetti habe ich gründlich geputzt und werde morgen früh, bei hoffentlich blauem Himmel, den kleinen Gasherd ausprobieren.

Im Zelt gibt es eine kleine Lichterkette mit ganz zierlichen Lämpchen. Falls man keine Sterne sieht, scheint das ein netter Ersatz zu sein. Soll ich den Pavillon benutzen, jetzt, zum Lesen? Der Himmel ist grau, und in der Ferne grollt es immer wieder. In der Küche gibt es Wasser; es ist so kalt, dass einem die Finger erfrieren, falls man mehr als drei Tomaten wäscht. Was tue ich hier? Ich bin in der Natur!

Braggio, Graubünden, 29. Juni bis 3. Juli 2026