Schlaflose Nacht

Ich schaue immer wieder in die Ecke des Gartens, wo ich gestern die Gelbgrüne Zornnatter entdeckte. Zwei kleine Vögel mit rötlicher Brust piepten ganz aufgeregt vom Zaun herab. Warum?, fragte ich mich und blickte in ihre Richtung. Da! – die Schlange, lang und geschmeidig. Weil meine Furcht die der Vögelchen übertraf, hob ich zwei Steine auf und verjagte den Feind damit. Allerdings nicht aus meinen Gedanken. Tagaktiv und für den Menschen ungiftig (laut Google), nachts schläft sie. Aha, also steigt sie wohl nicht die Steintreppen hoch, um mich in der Dunkelheit im Zelt zu überraschen …

Ja, die Dunkelheit im Zelt des Nachts. Naturverbunden möchte ich sein und bin doch nur naturfern. Als ich unter den monoton aufs Zeltdach klingenden Regentropfen fast eingeschlafen wäre, habe ich es gehört: Eines der Befestigungsseile wurde gezupft und vibrierte wie die Saite einer Gitarre. Was war das?! Habe mich im Bett aufgerichtet und mit beschleunigtem Puls das Belüftungsnetz in Augenschein genommen. Schleicht ein Ungeheuer vorbei? Nein. Ich beruhige mich nur langsam.

Dann ertönt der schaurige Ruf eines Waldkauzes, minutenlang. Ich höre zu. Ich sollte schlafen, denke ich. Dann plötzlich – eine Art wieherndes Schnauben. Ich sitze erneut senkrecht im Bett. Ich möchte heim oder zumindest in ein Zimmer: vier Wände, Zivilisation, Rettung. Beginne zu überlegen: Um das Zeltgelände gibt es einen Zaun, mannshoch. Falls das Tier in der Nähe ist, befindet es sich ausserhalb meines Reiches. Gegen Mitternacht schlafe ich ein.

Frühmorgens schönstes Vogelgezwitscher. Ich stecke den Kopf raus, die Welt scheint in Ordnung zu sein. Mokka auf dem Gaskocher. Besuch des Negozio, um das bestellte Maisbrot abzuholen. Ich verspeise ein grosses Stück noch vor Ort mit einem Latte machiatto – es gibt nur kalte Milch. Auch gut, in Braggio sinken die Ansprüche.

Später sitze ich vor dem Zelt, trinke Kräutertee und sehe zu, wie Eichelhäher die Kirschen verspeisen. Ah ja, etwas habe ich vergessen: Gestern in der Dunkelheit hat mich im Zelt ein Glühwürmchen besucht. Verängstigt wie ich war, habe ich es gar nicht als kleines Lichtwunder wahrgenommen.

Braggio, Graubünden, 29. Juni bis 3. Juli 2026