Keine Häppchen zum Kaffee

Es ist Sonntag im Dorf Pineda de la Sierra, und ich sitze im Restaurant an der Hauptstrasse, es ist das angenehmere der beiden Lokalitäten des Dorfes, beliebt bei Fahrrad- und Motorradfahrern, die sich mit einem Getränk erfrischen und dann sportlich weiterziehen. Ein Springbrunnen verziert den kleinen Platz, Spatzen baden darin, zum bestellten Bier gibt es keine Häppchen mehr, auch keine Schweineschwarte, nicht einmal eine Olive. Anderer Landstrich, andere Sitten. Bestellen kann man natürlich, kleine Leckereien, die jedoch mittags ausgehen, und als Nachschub gibt es nur noch fette Kartoffelwürfel, bestäubt mit Paprikapulver. Oder Chips aus der Tüte. Gut dass ich früh dran war …

Gegen 11.30 Uhr betreten mit gediegenem Schritt sonntäglich herausgeputzte Dorfbewohner den Raum und bestellen Cortado. Die Haare der Damen sind gefärbt und dünn, die Herren sind untersetzt und nicht mehr dünn. Wichtig geben sich alle. Später werden sich Besucher mit verwöhnten Kindern und noch verwöhnteren kleinen Hunden dazugesellen – wohl Städter am Wochenende auf dem Dorf. Familien mit Kinderwagen gehen an der Hauptstrasse spazieren, das Dorf selber bietet keine ebenen Strecken. Man möge sich ausrechnen, wie viele Autos vorbeifahren, wenn das möglich ist.

Die Fahrt von Prádena hierher hat Spass gemacht. Unterwegs haben wir El Burgo de Osma besucht. Die Stadt überrascht mit einer wunderschönen Kathedrale. Sie zu besuchen, hat Freude gemacht. Weniger Freude rufen die Cafés am Hauptplatz hervor. Schilder wie: «Donnerstags wegen Personalmangels geschlossen» oder: «Bezahlung im voraus» befremden etwas. Viele aufgegebene Geschäfte unter den Arkaden am Platz trüben die Stimmung, der Kontrast zum Viertel um die Kathedrale lässt die Frage auftauchen, woran die kleine Stadt leidet.

Weiter Richtung Pineda. Die landschaftlichen Eindrücke bezaubern erneut. Das Ferienhaus auch. Der Garten ist riesig und grenzt an ein munteres Bächlein. Ich habe die Füsse reingehalten: eiskalt, nach ein paar Sekunden erfrischend kühl. Zu sehen sind kleine Fische, Kaulquappen und grosse Wasserläufe. Es gibt zwitschernde Vögel, ein paar kreisende Milane, jedoch keine Störche mehr.

Wir werden noch feststellen, dass Wandern hier nicht so möglich ist wie gedacht, Wege sind versperrt und es gibt etliche Kuhherden. Die Strassen zu anderen Orten sind schmal, kurvig und umwegig. So wird die Lust, Ausflüge zu machen, geschmälert. Bei der Auswahl dieses Ortes habe ich das nicht bedacht. Im Kopf hat man schweizerische Verhältnisse, doch diese Region Spaniens wirft das Gewohnte über den Haufen. Wir überlegen, einen Tag früher abzureisen. Morgen steht Burgos auf dem Plan.

Gestern waren wir in Ezcaray, bereits Provinz La Rioja. Hübsch, lebendig, verlockende kleine Geschäfte mit Delikatessen. Ohne Wein oder Käse kann man den Ort nicht verlassen.

In den Morgenstunden wirkt die Kulturlandschaft unterwegs märchenhaft. Das Himmelblau, das Pastellgrün der Weizenfelder, das rote Braun der Erde, das leuchtende Rot der Mohnblumen, das dunkle Grün der Eichen und Pinien wirken wie ein idealisiertes Gemälde. Die Farben, die Stimmung berauschen. Je höher die Sonne steigt, desto blasser werden die Nuancen.

Pineda de la Sierra, Spanien, 5. bis 9. Juni 2026