Abwechslung mit Schlange

Es ist 15.35 Uhr und das erste Mal, dass man bereits um diese Uhrzeit in der Sonne sitzen kann und es angenehm findet. Im Schatten braucht man ein Jäckchen, es sind heute nur 25 statt 35 Grad zu verzeichnen. Am Himmel weisse Wolken vor blauestem Hintergrund, die dunkle Bergkette in der Ferne und die grünen Bäume in der Nähe bilden einen schönen Kontrast. Ländliche Idylle auch unterwegs, die Feldränder entlang schmaler Dorfstrassen sind mit leuchtenden Mohnblumen und strahlend blauen Kornblumen geschmückt. Die Äcker aus roter Erde wechseln sich ab mit hellgrünen Kornflächen und dann wieder mit dunkelgrünen Eichenhainen. Oft sind Kühe zu sehen, ihr Fell glänzt in der Sonne. Pferde erblickt man auch.

Heute standen wir inmitten einer Schafherde oberhalb von Ayllón, Schafgeruch inklusive. Sie frassen im langsamen Vorbeiziehen alles, was vor ihr Maul kam. Ayllón ist ein sehr angenehmes Städtchen, einnehmend grün und freundlich wirkend. Natürlich mit Plaza und Kirche und Restaurants. Wir gehen ins einzige, das schon offen ist, und bestellen Manchado in vaso. Ich werde gefragt ob ich … möchte, und ich nicke in der Annahme, dass es Gebäck sei. Nein – es sind grosse Schwartenwürfel! Schwarte zum morgendlichen Kaffee – uns wird danach ein wenig schlecht.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang zum verfallenen Wachtturm zwischen Gras- und Kornfeldern mit Mohnblumen (und erwähnter Schafherde) kehren wir erneut ein, ins zweite Restaurant, wo die Tische sauber gewischt werden für die lieben Besucher. Zum Bier gibt es pikante Wurst und kleine, grüne, gegrillte Paprika. Verhungern kann man in Spanien nicht – sofern man Geld für ein Getränk hat.

Die spanischen Plazas unterscheiden sich deutlich von den italienischen Piazzas, so der Eindruck, und doch weiss ich nicht genau, wodurch. Sind es die niedrigen Häuser, die auf Holz- oder Steinsäulen stehen und Galerien bilden? Oder die Tatsache, dass Autos auf dem Platz parkieren? Die Form des Platzes selbst? Nicht wirklich rund, nicht viereckig. Oder die sehr wenigen Menschen unterwegs, bis etwa elf Uhr? Wie auch immer: Ayllón ist sehenswert.

Es folgt Riaza. Man betritt den Ort, und kaum hat man zwei Atemzüge geholt, stellt sich die Frage: Was stimmt hier nicht? Obwohl es eine sehr spezielle Plaza gibt – sie enthält nämlich eine kreisrunde Sandfläche vor dem Rathaus, wie für einen Stierkampf – und Cafés und Restaurants und Galerien, herrscht eine merkwürdige Stimmung. Wir fühlen uns unwohl. Gebäude und Lädchen wirken verwahrlost oder sind geschlossen. Wir verlassen Riaza sehr bald und zwar kopfschüttelnd. Am Ortsrand entstehen E-Ladestationen – ob sie zukünftig nette Touristen anlocken und die Atmosphäre aufblühen lassen? Vielleicht.

Gestern waren wir übrigens in Ávila. Wie ich die Stadt beschreiben würde? Selbstverständlich prägen die mächtigen, hohen Stadtmauern das Gesamtbild. Die Altstadt wird davon umschlossen, Eingang findet man durch verschiedene Tore, auf Teilen der Mauer kann man spazieren gehen und in Gärten schauen oder den Blick in die Ferne schweifen lassen. Die erste gotische Kathedrale Spaniens erwächst aus der Stadtmauer, wirkt aussen etwas massig, das sehr kühle Innere ist wunderschön gestaltet. Bemerkenswert der mehrfarbige Stein der Säulen und Gewölbe, dazu buntes Glasfenster – ein besonderer Anblick. Eine Kirche in der man gerne sitzen würde, mit Pelzmantel, auch im Sommer.

Ávila wirkt nobler als Segovia, und ich frage mich, wie das Leben früher hier war, in den herrschaftlichen Stadthäusern, die abweisend wirken zur Strasse hin. In Ávila sehen wir auch grössere Reisegruppen, die ziemlich rasch von einem Punkt zum anderen geführt werden. Wir trinken ein Bier – dazu gibt es kleine belegte Brötchen – an einem Stehtisch vor einer Kneipe, die so aussieht, dass man in der Schweiz nie reingehen würde. Reisegruppen auch nicht.

Auf dem Weg zurück nach Prádena halten wir in einem Strassendorf, nehmen Platz in einem Restaurant – es ist gut besucht – und merken zu spät, dass ich eigentlich das Restaurant quer gegenüber ins Auge gefasst hatte. Wir bleiben trotzdem. Es dauert eine ganze Weile, bis das Essen kommt, aber es ist gut und zu reichlich. Wir sind zufrieden. Abwechslung zu Schwarten bringt heute eine Schlange! Sie windet sich in Richtung Terrasse, manch weiblicher Gast wird unruhig, ein heldenhafter Mann vertreibt die Schlange zurück ins Grüne. Schmausen gerettet.

Auch heute unzählige Raubvögel am Himmel, etliche Störche auf Feldern und manch einer in der Luft. Nie war mir so bewusst wie hier, dass Störche nicht nur Frösche fressen, sondern ausgezeichnet fliegen können.

Prádena, Spanien, 26. Mai bis 5. Juni 2026