Grelle Farben

Man wird hin und her gerüttelt. Nicht nur auf den unglaublich schlechten Strassen, sondern auch optisch und empfindungsmässig. Zigeunerpaläste von hässlicher Protzigkeit wechseln sich ab mit ärmlichsten Häusern, in ein und demselben Dorf. Kleinstadtstrassen befinden sich in einem Zustand der Auflösung – wenige Kilometer weiter beginnt die superneue Transilvania-Autobahn.

In Schässburg, Sighișoara, haben wir ein Dachzimmer im Hotel Central Park. Ein wunderbares Hotel, im Restaurant Lüster an der Decke, rotbezogene Stühle und roter Teppich, hohe, holzgetäfelte Wände, dezente Musik, professionelle Bedienung. Aus dem Dachfenster blickt man auf Hinterhöfe im Verfallszustand. Nachts bellen Hunde, man tut gut daran, das Fenster wieder zu schliessen.

Wir haben die Altstadt besucht. Fast alle Häuser stehen unter Denkmalschutz, und sie sind sehr farbig, teilweise grell angestrichen. Die grellen Farben passen nicht zu den ehemaligen deutschen Häusern. Die Gässchen sind mit rundlichen Steinen gepflastert. Es gibt viele Lücken, und man muss achtgeben, dass man nicht hinfällt. Besucher, hauptsächlich Rumänen, watscheln durch und schauen es an, wie man sich ein kleines Disneyland anschaut. Souvenirs und Cafés in rauen Mengen. Dracula wird vermarktet und Bauernblusen mit maschinell hergestellter Stickerei, nicht handbestickt! Die Sachsen und ihr Leben sind weg. Wir sind weg und mit uns das Sächsische. Warum wundert man sich also über den Zustand, dass die Altstadt eine Art Museum ist? Sie ist hübsch anzusehen.

An den Strassen hierher hätte man erneut rote Zwiebeln und Knoblauch, zu Zöpfen geflochten, kaufen können. Anhalter hätte man mitnehmen können. Körbe und Plastik-Störche erwerben. Manche Zigeunerin mit ausladendem buntem Rock überquerte die Strasse. Werbetafeln oder Hinweise auf Geschäfte, Waschanlagen und mietbare Arbeitskleidung sind in einer unglaublichen Anzahl vertreten. Gross, klein, neu, uralt, verblichen oder leuchtend. Entlang der Wege immer mal eine Pension oder ein Restaurant mit riesigen, mit Schlaglöchern übersäten Parkplätzen für LKWs und Autos und dem Angebot für ein Tagesgericht. Plastik-Störche gibt es vielleicht, weil es die echten Störche hier nicht mehr gibt.

Der Verkehr hat eine enorme Dichte. Jeder Bewohner dieses Landes hat sich wohl ein Auto gekauft und meint, so schnell wie möglich damit fahren zu müssen. Durch Ortschaften mit 70 km/h, ausserhalb wird selbstmörderisch überholt, in Kreuzungen wird in die kleinste Lücke vorgestossen. Aber lassen wir das.

Das Frühstück war sehr gut. C. hat die allgegenwärtigen halben Pfirsiche, eingelegt in Zuckerwasser, mit Naturjogurt von Danone verspeist.

Fazit von C. über Schässburg: Eine mittelalterliche deutsche Stadt, überdeckt mit rumänischer Tünche.

9. September 2022, Grosswardein – Klausenburg – Schässburg