Kein glückliches Huhn

Tag 15. Ob ich, draussen am Tisch sitzend, schreiben möchte? Ja, auch wenn das junge französische Pärchen an mir vorbei läuft. Er hängt nun nasse Strandsachen auf, sie duscht. Irgendwie wenig Privatsphäre in diesem Haus. Ich ignoriere das gerade und trinke ein dunkles Bier, Sagres Preta.

Ich wohne im Rosmarinho room, dem grössten Zimmer hier, da ich am längsten bleibe. Nach Rosmarin duftet es allerdings nur in freier Landschaft. Die Unterkunft heisst Casa C., nach irgendeinem glücklichen Huhn, das mir eher tot scheint, zumindest spaziert es hier nicht herum.

Die Wanderetappe heute 23 km, von Arrifana nach Carrapateira. Landschaftlich betrachtet erstmal unspektakulär und doch von grossem Reiz. Kultiviertes Land, zuerst Schirmpinien. Hänge voller Schirmpinien, ordentlich gepflanzt. Am Wegesrand Zistrosen und viel Lavendel, es duftet. Dann Eukalyptuswäldchen. Duftet nach Eukalyptus. Eine Kuhfarm, ich rieche nichts. Getreideanbau. Der Wind raschelt in den Ähren. Landhaus. Es wechselt über in Dünengebiet. Ein wenig Garten Eden, oder womit wäre das zu vergleichen? Blüten, Büsche, Gräser, Bäumchen, Sand, Vögel, Eidechsen, Blick in die Ferne, Blick auf das Meer. Wind. Mühsames Vorwärtskommen im Sand. Die beeindruckenden Dünen bei Carrapateira. Ein Strand, so weit, dass man immer irgendwo für sich sein kann. Ich laufe am Meeressaum entlang. Toter Kormoran. Schön, obwohl leblos. Ein Stück weiter: ein Gegenstand, ein Tier? Blau und durchsichtig. Bewegt es sich? Oder ist es der Wind? Fremd ist es mir, aber wunderschön.

In Carrapateira einen leckeren Burger gegessen und als Dessert Caramel-Bananen-Kuchen. Sehr lecker! Das bestellte Taxi kommt überpünktlich.

Das Restaurant hatte keine eigene Toilette, man wurde zur öffentlichen Anlage geschickt, wenige Meter um die Ecke, im Zentrum. Beim Raustreten blicke ich auf den Supermarkt gegenüber und gehe einkaufen. Mit Gurke, Tomaten und Käse laufe ich zurück ins Restaurant. Das ist doch praktisch!

Vale da Telha, Aljezur, Portugal, 2. bis 8. Juni 2024