Edelweiss-Fülle

Überrascht wird man natürlich dann, wenn man etwas nicht erwartet. Oder keine Vorstellung von einer Gegend hat. Avers – Innerferrera? Was das wohl bieten wird?

Schon alleine die Busfahrt nach Cresta lässt das Herz schneller schlagen vor Freude, denn die Anblicke unterwegs versprechen eine wilde, relativ einsame Gegend. Das Versprechen wird von der Landschaft eingehalten und übertroffen. Die gefühlte Weite beeindruckt, die Sicht über viele Berggipfel und in Täler erfreut, und die Fülle an Edelweiss versetzt in Erstaunen. Hat man sich bis dahin beim Anblick von einem Edelweiss schon vergnügt gezeigt, so wird man hier reichlich belohnt.

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Alp de Naucal

Bereits im Bettchen. Ristorante/Hotel V. in Rossa, fein gegessen und getrunken, davor geduscht. Eine echte Dusche mit heissem Wasser, nach fast drei Tagen Unterwegssein und Katzenwäsche ein Genuss. Ich spüre deutlich meine Beine und ihre Leistung. Morgen steht noch eine Wanderung an, ich werde vermutlich kneifen. Die Wanderschuhe sind bis morgen früh bestimmt nicht trocken.

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Alpe d’Örz

Traumhaft. Die Alpe d’Örz, unsere Unterkunft heute Nacht, liegt umgeben von ehemaligen Weideflächen in einer Felsenarena. Der Blick geht ungehindert ins Tal. Die Nala springt links vom Steinhaus über Felsbänder in die Tiefe und ist laut. Es gibt auch eine ebenere Fläche, man könnte darin plantschen, sollte man eine Vorliebe für Eiswasser haben. Die Nachmittagssonne lacht mich an, ein leichter Wind bewegt hohe Grashalme; ich sitze auf einer Steinbank an einem Steintisch und kann mir im Augenblick keinen urtümlicheren, schöneren Bergort vorstellen, als denjenigen welchen ich jetzt erlebe.

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Alpe di Vóisc

Ankunft an der ehemaligen Käsealp, der Holzofen wird angefeuert, Töpfe mit Quellwasser aufgestellt.

Auf dem Weg hierher hat uns der Nieselregen begleitet, der heute morgen noch nicht angekündigt war. Die Grasflächen, die Sitzbank um die Alp: wunderschön, aber nass. Man kann draussen stehen und das Osognatal bewundern – sitzen muss man drin. Bei Sonnenschein ist vermutlich alles noch viel schöner und man könnte sich in eine ruhige Ecke verziehen. Denn wie immer und überall gibt es eine Person, die nur eines kennt: reden. Italienisch. Ich verstehe nur wenig, das ist gut, unterwegs bleibt es zum grössten Teil ein Geräusch, ähnlich dem Rauschen der Nala, welche durchs Tal fliesst.

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Schlaf im Lavendel

21. August 2024, 11.19 Uhr. Ich werde heute nach Grono fahren und im B&B da Käthy übernachten, um morgen pünktlich zu den anderen Teilnehmern zu stossen. Wanderteilnehmer für das Calancatal, vier Tage, sechs Frauen, ein Wanderleiter. Obwohl es nicht die erste Mehrtageswanderung ist, bin ich ziemlich aufgeregt. Rucksack gepackt, nur ein Wechselset an Kleidung dabei, ich werde ein wenig stinken. Als Reserve Regenjacke, Daunenweste für eventuelle Polarnächte, Turnschuhe für die Hütten. Zwei Wasserflaschen, eine davon wird nie zum Einsatz kommen. Nüsse, viele davon, als Mittagessen, Cola-Powergel für den Notfall. Taschenlampe statt Stirnlampe – ein Übersetzungsfehler von Google aus dem Italienischen ins Deutsche. Ich werde (später) feststellen müssen, dass man mit einer Taschenlampe in der einen Hand kein Geschirr spülen oder abtrocknen kann. Mich als Stehlampe anzubieten, fällt mir nicht ein …

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Speer

Speer – der höchste Nagelfluhberg Europas. Es heisst: 1951 m hoch, Gesteinskonglomerat, gehört zu den Appenzeller Alpen. Man kann so, oder so, oder so auf den Speer. Man kann aber auch über die Nordflanke hoch, blau-weiss T5, die offizielle Klasse des Wanderweges. Was das bedeutet, begreife ich eigentlich erst hinterher. Etliche Stunden später. Es erscheint mir wie ein Tagtraum. Das habe ich geschafft?

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Küchennacht

Heimkommtag. Alpe Nimi – schon in die Vergangenheit gerutscht. Sie sitzt allerdings tief in meinem Herzen.

Gestern nacht kam ein Gewitter auf; eines, wie ich es noch nie erlebt habe, so heftig. Ich hatte ja Sternenbett gegen Zelt getauscht, und das Zelt hätte auch die paar Regentropfen ausgehalten, welche für die Nacht angekündigt waren. Gegen 23 Uhr wurde ich wach, das unglaublich helle Wetterleuchten über dem Wallis durchzuckte meine geschlossenen Lider. Ich dachte (im Halbschlaf): Falls das hierher kommt, wird es im Zelt nicht lustig. Habe mich daraufhin wieder angezogen, sogar Schuhe angelegt, und all meine Sachen im Flackerlicht des fernen Gewitters in den Rucksack gepackt. Dann bin ich eingeschlafen.

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Rituale

Der dritte Tag. Alle Wanderer sind weg. Das tägliche Ritual: Die Geissen steigen die Berghänge hinab und werden gemolken. Es wird Käse hergestellt. Streitlust, Dösen im Schatten, bei den Ziegen. Ich habe geduscht, ziehe die getragenen Sachen an, rieche nach Ziege, denn: so manche schubbert sich an mir.

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Träge, heisse Stille

Der zweite Tag. Ich fühle mich kränklich, ähnlich einer leichten Erkältung, ein wenig müde. Ich habe geduscht, nachdem ich von einer Nera de Verzasca abgeschleckt wurde. Sie hat mit mir geschmust, aber auch spielerisch ihren gehörnten Kopf gegen meinen Kopf gestossen.

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