Steinbock-Zimmer im Rössli

Erneut hier, im Gasthof Rössli, zum Abendessen, Theater, Übernachtung. Der Weg hierher unter überwiegend bewölktem Himmel, was der Schönheit der Landschaft keinen Abbruch getan, sondern sie eher betont hat.

Ich sitze allein in der holzgetäfelten Gaststube, der Boden braune Dielen, die Wände weisses Holz, die Holzdecke blau-grün. Auf den Holztischen kleine Glasvasen mit frischen Zweigen und einzelner Tulpe. Die junge Dame im Service ist so steif und unterkühlt, dass ich befürchten muss, die Tulpen würden vereisen. So tun, als wäre sie nicht da, wäre wohl am besten. Die Stube so warm, die Frau so kalt.

Schnippelgeräusche aus der Küche, Vorbereitungen für das Menü heute abend. Ich habe mir einen heissen Tee bestellt und einen Grappa. Die Wälder hier in der Gegend sind sehr schön, Mischung von Laub- und Nadelbäumen, daher abwechslungsreich, lieblich, voller Gezwitscher. Bei bescheidenem Wetter wagt sich schon eher ein Tier aus der Deckung. Zwei Rehe habe ich gesichtet und mehr Vögel singen hören, als letztes Mal bei schönem Wetter.

Zimmer Nummer 1, «Steinbock» heisst es, wurde mir zugeteilt, passend zu einer Bündnerin. Der Schlüssel dazu ist riesig, das Türschloss ebenso, ein Schnappschloss. Es ist 15.42 Uhr, und ich habe noch nicht geduscht, durch die Fenster scheint immer mal die Sonne rein. Ich blättere im ausliegenden Kochbuch, Rezepte, die hier im Rössli in der Küche zum Tragen kommen. Alle vorgestellten Gerichte sehen so professionell aus, dass ich es nicht wagen würde, das Buch zu kaufen. Welcher Laie kann schon so kochen? Ob das Drei-Gänge-Menü das Versprechen des Buches halten kann?

Die Holztreppen zu den Zimmern knarzen gewaltig, ein Geräusch, das jeden verrät, der die Treppe benutzt, auch wenn er in Socken hochschleichen würde. Auf dem Zimmer liegen Ohropax bereit, wegen des Holzes und des Glockengeläuts von der Kirche gegenüber.

Da es draussen zu kühl ist, um länger dort sitzen zu können, neben dem plätschernden Dorfbrunnen, gehe ich duschen und setze mich erneut in den Gastraum. Jetzt ist richtig etwas los hier: Die Tische werden gedeckt und Weinflaschen aus dem Kühlschrank geholt, viele kleine Vorbereitungen für später. Ich aber habe jetzt schon Hunger und bestelle Brot und ein Glas Wein. Interessant finde ich, dass der Saal für Aufführungen im zweiten Stock liegt, über allen Zimmern. Warum wohl? Ich frage nach, nicht die kühle Serviertochter, sondern den heiteren Ober, der eben seinen Dienst antritt. Er äussert kein Wissen, aber eine Vermutung. Im obersten Stockwerk gibt es keinen Flur und weiterführende Treppen, man kann die ganze Fläche ausnutzen. Die Sicht in die Ferne, viel Licht und der nach oben entschwindende Lärm, das sind weitere Argumente. Und sie kommen mir plausibel vor.

26. April 2025, Oberbüren – Mogelsberg, 18,6 km, 4 Std 15 min