Ich habe mich – nach einer langen Zugfahrt – ins Café Kostner geflüchtet. Unter dem Titel «Kostner» steht: «Heimat». Ob Mayrhofen noch Heimat bietet, scheint mir unwahrscheinlich. Vielleicht findet man noch einen Hauch davon in einer alten Wohnstube, welche noch nicht in eine Unterkunft verwandelt wurde. Der erste Eindruck vom Ort: Restaurant neben Restaurant, etliche Sportgeschäfte, Souvenirläden und Hotels. Die schmalen Bürgersteige sind bevölkert von mehr oder weniger dicklichen Wanderern, hauptsächlich aber von schlendernden, eisschleckenden Feriengästen. Es ist ein sehr heisser, schwüler Tag, die Leute sitzen draussen, ich nehme im angenehm kühlen Inneren des Cafés platz. Tellergeklapper, dezente Gespräche, Biominztee und Schwarzwälder Torte erfreuen mich.
Im vierten Sportgeschäft finde ich endlich einen wasserdichten Beutel, in den Handy, Geldbörse, Notizbuch und Stift passen – meine Handtasche für die bevorstehenden Hüttenabende in den Zillertaler Alpen.
Ich war gespannt auf die Zillertaler Bahn; und siehe da: Sie ist rot, kurz, langsam, die Lokomotive kastenförmig und dieselbetrieben. Sie fährt zuverlässig von Jenbach nach Mayrhofen, durch eine romantisch anmutende Landschaft, das Zillertal ist sehr viel breiter als gedacht, ein Örtchen folgt dem anderen, alles wirkt aufgeräumt, die Häuser sind hübsch, die Felder akkurat, auf vielen Wiesen wird Heu eingesammelt. Die Romantik im Bähnchen leidet ein wenig unter den unzähligen mitfahrenden Dänen. Sie sind mit einer grossen Menge Koffern unterwegs, plaudern durcheinander. Sie werden eine Woche Ferien in Mayrhofen verbringen; ich habe gefragt.
Im Eurocity von Sargans nach Jenbach – alt und wenig sauber – hatte ich einen Einzelsitz ergattert und gelauscht: Schweizerdeutsch, österreichisch, hochdeutsch. Alles deutsch. Oder auch nicht.
Heute abend werde ich mein Hotelzimmer bewusst geniessen: kühl, mit eigener Dusche, frischem Bettbezug. Ab morgen: Schlafsack, Geschnarche und vielleicht drei Minuten warmes Duschwasser. Ich fürchte mich ein wenig vor dem Berliner Höhenweg; vermutlich wird es immer mal regnen und so die Wege erschweren. Natürlich ist es mein Ziel, mein Wunsch, erst in einer Woche wieder hier zu sein in Mayrhofen, und nicht vorher, nicht vorher absteigen zu müssen.
Mayrhofen, Tirol, 19. Juli 2025

