Es ist Sonntag. Ich bin wieder da, im Kaffee Klatsch, nach drei statt nach vier Tagen im Tessin. Ich wage zu behaupten dass ich sowohl körperlich als auch geistig geschaffter bin, als nach der Woche «Berliner Höhenweg». Wie das kommt? Verstehe ich nur zum Teil.
Lange Fahrt von Chur nach San Carlo im Bavonatal am Donnerstag; es ist Sommer, der Feiertag steht bevor, es ist unendlich voll unterwegs, überall. Der Bus von Locarno nach Cevio hält gar nicht mehr, besser gesagt: Der Fahrer hält an, öffnet aber nicht die Türen, sondern ruft den an der Haltestelle Wartenden zu, dass bald ein Zusatzbus kommt, und fährt weiter. Erst später, weit weg von Locarno, steigen Leute aus, der Bus beginnt sich zu leeren und normal zu halten.
Wir entrinnen den Besuchern von San Carlo, indem wir mit dem Aufstieg beginnen. 1200 Hm auf 5 km zum Rifugio, einfacher, aber steiler Aufstieg, wir schwitzen sehr. Zum Abendessen gibt es feinste Minestrone, Spagetti bolognese, Dessert.
Wanderleiter M. erklärt uns die Route des nächsten Tages; bei über der Hälfte der geplanten Strecke handelt es sich um frühere Wanderwege, die nicht mehr gezielt unterhalten werden. Alles klar, gute Nacht. Der Hund von A. schläft mit im Massenschlag – entgegen der Abmachung mit dem Wanderleiter und dem Hüttenwirt. Die anderen zwei Gäste haben nichts dagegen. Der Hund riecht streng, ich schlafe trotzdem ein.




Der nächste Morgen beschert uns faszinierende Lichtspiele durch Wolken und Sonne. Der Wetterbericht gibt ein gemischtes Bild ab. Los geht’s, anfangs noch markiert, hoch zum ersten Übergang. Dann beginnt das kleine Abenteuer, die ehemaligen Wege … Es kommt kurzer Regen auf, ausreichend, um für eine ganze Weile Felsblöcke und Gras in rutschige Partien zu verwandeln. Wolken senken und heben sich, Aussicht verschwindet und wird wieder freigegeben. Schuhe mittlerweile nass, es ist kühl, M. muss immer wieder nach dem Weg suchen, es geht hoch, es geht runter, Zeit vergeht, Kraft wird verbraucht. A. empfindet die kühle Nässe und die mangelnde Sicht als belastend. Ich beginne mich zu sorgen, ob meine Ausdauer für den letzten Aufstieg noch reichen wird.
Irgendwann stossen wir wieder auf den markierten Weg. Mittlerweile nerven mich die häufigen Pausen, die wegen des Hundes eingelegt werden; ich gehe alleine langsam weiter, überquere Felsblöcke und fühle mich wohl. Der Hund benötigt grasige Umwege. Wir erreichen die letzte Bocchetta, stehen in grauen Wolken, hören Alphörner, und darüber freuen wir uns, der Klang kommt von unserem Refugio, das wissen wir. Abstieg, kettengesichert, steil, geröllig und rutschig, gruselig gemacht. Ich halte mich fest an Kette und Fels und merke, wie die Fingerkuppen leiden, eine dünne Schicht Haut wird abgeschrubbt. Weiter, weiter. Nach mehr als acht Stunden (statt angedachten fünf) erreichen wir die Hütte, bald gibt es Abendessen. Insgesamt sind wir nur noch acht Gäste, viele haben storniert wegen des Wetters. Ich schlafe grossartig, habe das Dachgeschoss für mich alleine, kippe das Fenster, ziehe eine Mütze an und gute Nacht. Die Beine sind sehr müde.




Nun kommt der dritte Tag. Die Wetterprognosen gehen sehr auseinander, die eine erzählt von Sonne, eine andere von stärkerem Regen. Die geplante Etappe ist eher anspruchsvoll. Was tun? Ich bin unsicher. A. will den Abstieg, fürchtet Regen und sorgt sich um den Hund. Wir nehmen die sichere Variante, steigen ab und damit ist die Tour zu Ende – einen Tag früher!
A. bleibt in Locarno, sie möchte einen Cappuccino bei italienischem Flair geniessen. Im Zug von Locarno nach Bellinzona gehen M. und ich nochmal alles durch. Was genau hat unsere Entscheidung so sehr beeinflusst, dass wir es nicht gewagt haben, die Etappe so zu gehen wie geplant? War es wirklich notwendig abzusteigen? M. kommt zum Fazit, dass A. und die Bedürfnisse ihres Hundes alles bestimmt haben und er sich nicht rechtzeitig dagegengestellt hat. In einer grösseren Gruppe wäre die Entscheidung anders ausgefallen, denken wir. Das Wetter übrigens war viel besser als alle Prognosen.
«Tessiner Granit» hiess die Tour. Überwältigende Landschaft, einsam, schroff, steil, hunderte Steintreppen in Wäldern, grossartige Hochebenen mit Bächlein und Wollblumen. Anstrengend und bezaubernd die Pfade: Das ist mein Fazit.






Tessin, 31. Juli bis 3. August 2025

